Premium Spinnen

Szene vom Wochenende: Eine letzte Filterlose auf dem Balkon vorm zu Bett gehen, morgens fünfuhrfünfzehn. Beim Anblick eines Spinnennetzes, das die Feuchte schwer gemacht hatte – Paranoiattack. Wie wir unsere Fäden in die Zukunft werfen und wie sie dort haften bleiben an den bis zur Vollkommenheit ausgeträumten Gegenwelten. Dass diese äußerst fragilen Konstrukte nicht tragen können, dass sie keiner noch so kurzen Kontamination des als ideal Gedachten durch das Terrorregime Realität stand halten: versteht sich von selbst.

Spinnen, Gespinst, Gespensterirrsinn. Warum lassen wir uns darauf ein? Warum bauen wir solche Jakobsleitern für Mondkälber, die nicht einmal das Gewicht unseres Schattens zu tragen imstande sind? Vielleicht sind wir derart vom Elend, das uns allgegenwärtig ist, besessen, dass wir in unserer Unbehaustheit und Glücksunfähigkeit dagegen nur eine weitere Besessenheit setzen können: die Hoffnung auf die utopische Gestaltungskraft des Wunsches. Wo der Realist sich einrichtet im Stumpfsinn der alltäglichen Tretmühlenhölle (das hat Blake mitgedacht, als der von den satanic mills sprach), verwendet der Utopist einen Großteil seiner psychischen Energien darauf, sich sein ganz persönliches Wolkenkuckucksheim zusammenzuspinnen. Er ist ein Abeiter am Mythos, ein Eroberer des Nutzlosen. Er ist gegen das Gegenwärtige. Er verwechselt ständig Sinn mit Sinnlichkeit, er denkt zirkulär, träumt zu groß und existiert “in abfallender Linie” (Botho Strauß).

Dass diese Haltung einen Hau ins Lächerliche ebenso hat wie ein gerüttelt Maß an subversivem Potential – das macht die Sache dann wieder ziemlich interessant, here lies the hub of ambiguity (danke, mal wieder, Dietmar Dath!). Denn diese Maximalspannung erzeugt um den Utopisten ein Gravitationsfeld, dass die Zerstörung anzieht, die dann in der Maske des Narren ihr Zersetzungs- und Zernichtungs- und Zertötungswerk beginnt. Großes Missverständnis: Utopisten sind kein freundlicher Schlag Mensch. Sie legen die Axt am Hier und Jetzt an, wo es nur geht (und es geht immer und überall, denn immer und überall ist alles scheußlich, kaputt, im Arsch). Das erzeugt dann oft bei den Leuten die nötigen Irritationen, die vielleicht drei von hundert dazu bringen, sich mal paar Gedanken über sich und seine Daseinszusammenhänge zu machen. Aber dummerweise läuft es meistens anders, nämlich so, dass die Frustrationstoleranz in keinem Verhältnis zum Weltumwälzungswillen steht, und hier wird es richtig finster. Denn sind erst einmal so viele Blasen geplatzt, dass alle kommenden Blähungen folgenlos bleiben müssen (und diese Folgenlosigkeit schließlich reflektiert, begriffen wird), dann kommt der Zynismus mit Macht über einen. Und was von Zynikern zu halten ist, herrstehunsbei: kaputt, kaputter, kränk.

Realutozyniker: Alles falsch. Ein Unsinn. So kann und so darf man doch nicht werden wollen. Oder wie?

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