Nil desperandum

9:00
Aua aua aua. Völlig zerschlagen vom gestrigen Training rollt sich das geschundene Fleisch aus der Bettstatt und meldet ans Bewusstsein: “Sofort Schluss mit dem Sport, bitteschön, man hänge mich gefälligst an die nächstbeste Theke, anstatt mir solcherart Pein anzutun. Die mir aufgezwungene Schinderei ist eine Unverschämtheit sondergleichen und gegen jede mir zugängliche Vernunft – wird dir noch leidtun, mein Freund, verlass dich darauf!” Ein sich am mit guten Vorsätzen auftrumpfenden Bewusstsein rächender Körper – Angstgegner extraordinaire. Aua aua aua.

10:12
Schreibtischexzess. Kaputte Anfälle von Vergeblichkeitsangst und Epiphanien wechseln sich viertelstündig ab. Das reinste Aprilwetter im Dachgeschoss, nicht so schön. Später dann Telefonat mit Phlox Phylogenesis, während dem sich sofort eine kaffeeduftende morning glory-Stimmung einstellte, nachmittags zufällig auch noch T-Bone Lebowski in die Arme gelaufen, fünfzehn Minuten superangenehmer Talk, Abschied, bis bald. Solche scheinbaren Kleinigkeiten sind unbezahlbar und haben mit Sicherheit im Laufe der Zeit mehr Menschen gerettet als, meinetwegen, Spiderman. Von der katholischen Kirche ganz zu schweigen, aber das ist eine andere Geschichte, auf die noch zurückzukommen sein wird.

16:03
Done. Feierabendgedanken: Wie schaltet man die heißlaufende Sehnsuchtsmaschine ab? Die Zeiten, in denen das Wünschen noch geholfen hat, sind unwiderbringlich vorbei. Was also ist zu tun? Vielleicht eine gar nicht mal so dumme Antwort: Heimisch werden in der eigenen windschiefen Hütte, in der zwar das Oberstübchen randvoll mit Krempel, Quatsch und falschen Gedanken ist, aber die ganze Ruine hat man schließlich zum großen Teil selbst zusammengezimmert, also: no complaints. Die Möglichkeitshorizonte bleiben gleich, ganz egal wie man sich einrichtet in seiner Existenz. Kurz: Have an aim, get out of bed!
Ein Blick aus dem Fenster löst dann schließlich alles: Eine Plastiktüte im Spiel des Windes, die die wildesten Kapriolen schlägt, um dann wieder ganz nachgiebig, ganz sanft durch den grauen Himmel zu gleiten mit einer Eleganz, die staunen macht. Als hätten beide, Wind und Gegenstand, ihr zartes Entgegenkommen erkannt und sich dem völlig hingegeben. Wie ein Kind sieht man diesem Schauspiel zu, im besten Sinne gedankenlos, und meint etwas von dem mythischen Glühen zu erkennen, das hinter allen Dingen verborgen ist und nur dann, wenn ein Riss durch die festgefügten Ordnungsmuster der Wahrnehmung geht, für eine kurze Zeit einfällt in die “von innen beschlagenen Augen” (Lutz Seiler).

20:06
Akustische Wellness, bevor es auf die Reise geht:

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