Sägen, Schreiben, Sägen

Der Zustand eines Körpers, der sich auf Wochen
gegenüber dem Geist, welcher mit der Produktion von
Ideen beauftragt ist, zunehmend benachteiligt sieht,
ist der jämmerlichste. Eine große Geistesanstrengung
führt unweigerlich zur Zerstörung des Körpers, das ist
die Wahrheit. Gehen wir eine Geistesarbeit an,
vernachlässigen wir den Körper aufs rücksichtsloseste,
mehr noch: wir transformieren die durch Frustration und
Niedergeschlagenheit frei gewordenen bösen Energien -
beides naturgemäße Abfallprodukte der Arbeit mit dem
Kopf – in das Medium Gewalt und lenken diese Gewalt,
die die brutalste ist, gegen unseren Körper. Die
Geistesarbeit ist körperfeindlich, sage ich mir, und je
gründlicher und intensiver jemand seine Geistesarbeit
verrichtet, desto kaputter, abgewrackter, zerschossener
wird sein Körper.
Es ist aber nicht das Ausspinnen der Gedanken, das uns
zerstört , dachte ich, sondern der perverse
Veröffentlichungszwang, der den mit einer Geistesarbeit
Beschäftigten naturgemäß dazu zwingt, seine Gedanken zu
pornographisieren und diese also ohne Rücksicht aufs
Papier zu kippen. Aber natürlich machen wir damit alles
falsch, denn der Geist passt nicht auf ein Blatt
Papier, nein, der ganze Geist passt nicht einmal in ein
Buch, ganz gleich wie viele Seiten es hat. Der Geist
ist wild und unendlich und naturgemäß nicht zu zähmen,
jeder Versuch, seinen Geist in den Kerker der SCHRIFT
zu sperren, ist eine Sünde; Vergatterung des Geistes
ist der Tod des Geistes und als Konsequenz naturgemäß
der Körpertod. Wir produzieren etwas mit unserem Geist,
dachte ich, wir verfertigen eine These, eine Theorie,
und kaum haben wir das Gedachte aufs Papier geschmiert,
ist der Geist auch schon vergewaltigt, denn wir
erkennen sofort, dass das Geschriebene obszön ist
gegenüber dem Gedachten, ein TEXTKRÜPPEL, der
naturgemäß entsteht, nachdem wir alles Ephemere aus dem
ENGEL DER IDEE geprügelt haben. An diesem Punkt
entsteht ein Maß an Selbstverachtung, welches unmöglich
noch von Substituten der Subjektivität – Alkohol, Sex
und anderen Durchgangsdrogen – neutralisiert werden
kann: ein Überschuss an Negativität, der viral den
Körper infiltriert und sein Körperzersetzungswerk
beginnt. „Seien Sie auf der Hut!“ rief ich
HERRN SCHICHTEL zu, der damit beschäftigt war, die
Dämonen seiner angeborenen Dummheit mittels eines
Laubsägearbeitsexzesses in Schach zu halten,
„seien Sie auf der
Hut!“ sprach ich noch einmal, „sägen Sie nur
eine Porta Nigra
nach der anderen aus und vermeiden Sie den Geist!

Sägen Sie, aber schreiben Sie nicht!“

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