Wenn die Worte auf der Bildschirmoberfläche zerspellen, weil der nötige SINNZUSAMMENHANG flöten gegangen ist: Kaputtheit des Denkens. Wer flickt das Hirn denn wieder zusammen nach so einer Explosion? Wer ordnet den Müllhaufen im Kopf? Niemand nirgends da, der hier noch helfen könnte. Stattdessen die nächste Filterlose im Vertrauen darauf, dass die Rauchschnüre die Gedankenfetzen wieder aneinander binden und sich im Duft des Indianerkrauts endlich wieder so etwas wie ORDNUNG einstellt. Und Ruhe. Es muss schließlich immer weiter gehen, und zwar im hier und jetzt. Denn merke: “Tomorrow is the first lie of the devil“
21:47 “I live between concrete walls”
Fever Ray, das Soloprojekt der The Knife-Sängerin, beschießt jeden Winkel des Raums mit archaischem Electro-Tackern und durch den Vocoder gejagten Geisterstimmen. Diese Strahlungen von Sound, finale Depeschen erkalteter Sterne, berichten von der schrecklichen Beiläufigkeit, mit welcher der Tod uns entgegentritt. Dazwischen allerdings immer wieder die irritierende Beschwörung der Natur als das Große Andere unserer selbst – Kinderwünsche, Regressionsphantasien: “When I grow up / I want to be a forester / run through the moss on high heels”. Die ungemütlichste, irrlichterndste und vielleicht schönste Platte dieses Sommers.
22:30 Thomas Pynchon “Inherent Vice”
Yippppieh! Neues vom Hexer! Nach dem Zeit und Raum verschlingenden Behemoth “Against the Day” nun ein für Pynchon-Verhältnisse schmales Büchlein von knapp 370 Seiten. “Seine erste Novelle…” wird schon in den einschlägigen Foren geätzt. Und in den Feuilletons hierzulande macht man’s wieder (wider besseres Wissen) wie bei “Against the day”: Man haut schon vor der Veröffentlichung Rezensionen raus, die aber nur sogenannte sind, da in ihnen großteils Versatzstücke der amerikanischen und britischen Kritiken grob zusammengeschustert werden. Das müsste man echt mal untersuchen: Warum gerade bei Pynchon die deutsche Kritik so kurzatmig ist, und warum die Edelfedern gerade bei Neuerscheinungen dieses Schriftstellers so viel Schiss davor haben, nun ja, zu kurz zu kommen. Wer’ s weiß: Bitte melden! Und komme mir nun ja keiner mit grobem Unfug wie “Das Internet ist schuld!” oder “Die Blogs ruinieren die Literaturkritik, dem müssen wir zuvorkommen!”
Ach ja, der Roman: Macht einen Heidenspaß! Man stelle sich vor: Einem chandleresken Private Eye wird seine Kaltschnäuzigkeit ausgetrieben, die Kippen werden durch Joints ersetzt, und das ganze spielt nicht in den mean streets von New York oder Chicago, sondern im (fiktiven) Surfparadies Gordita Beach. Unser “Held” namens Larry “Doc” Sportello ist also ein ausgemachter Drogenfex, ein Mike Hammer im Habitus des Big Lebowski, der das rätselhafte Verschwinden des Immobilientycoons Wolfmann – einem Juden, der lieber Nazi wäre (sic!) – aufklären soll. Was gar nicht so einfach ist, denn unser Privatschnüffler kann sich durch seine ununterbrochene Kifferei kaum etwas länger als drei Minuten merken – nicht gerade die besten Voraussetzungen für seinen Job. Mehr soll hier noch nicht verraten werden, nur soviel: Es gibt schon auf den ersten hundert Seiten jede Menge grotesker Verwicklungen, Landschaftsbeschreibungen von typisch Pynchon’scher Grandezza und vor allem verdammt viel zu lachen. To be continued…