wer redet (ist bald tot)

Veröffentlicht in Lyrik am August 11, 2011 von blindflug

wieviel sprache vertragen
- wahnsinn hin, wahrheit her -
wir krank gedachten tiere?
dosis venenum facit. seither
brennen die logosquartiere.
ein riss auf der herzhaut entzündet
was dich einschrieb ins hier- und so-sein.
und ein wissender blick, der verkündet:
jedes wort ist ein totenschein.

im blindflug

Veröffentlicht in Lyrik am August 11, 2011 von blindflug

im blindflug zeigen sich
die ausgehärteten bilder -
der schlammfang, das ich,
besinnt sich, wird milder
im urteil und schneidet
den faden entzwei -
entschlossen, mit leichthin
schwebenden händen:

was bleibt dir dann noch, samurai?
lose enden, zeichenwenden.

drogistik

Veröffentlicht in Lyrik am August 4, 2011 von blindflug

gegen den tag gerichtet
fügt sich das erdschwere lid:
zu vieles vertan, falsch gewichtet
und abmarsch ins vorletzte glied.
hier wartet die nacht (nur meine),
sie speichelt mir schlaf ins ohr.
dann schießen die bilder ins reine:
goyas gespenster, maldoror

Premium Spinnen

Veröffentlicht in Uncategorized am Juli 29, 2011 von blindflug

Szene vom Wochenende: Eine letzte Filterlose auf dem Balkon vorm zu Bett gehen, morgens fünfuhrfünfzehn. Beim Anblick eines Spinnennetzes, das die Feuchte schwer gemacht hatte – Paranoiattack. Wie wir unsere Fäden in die Zukunft werfen und wie sie dort haften bleiben an den bis zur Vollkommenheit ausgeträumten Gegenwelten. Dass diese äußerst fragilen Konstrukte nicht tragen können, dass sie keiner noch so kurzen Kontamination des als ideal Gedachten durch das Terrorregime Realität stand halten: versteht sich von selbst.

Spinnen, Gespinst, Gespensterirrsinn. Warum lassen wir uns darauf ein? Warum bauen wir solche Jakobsleitern für Mondkälber, die nicht einmal das Gewicht unseres Schattens zu tragen imstande sind? Vielleicht sind wir derart vom Elend, das uns allgegenwärtig ist, besessen, dass wir in unserer Unbehaustheit und Glücksunfähigkeit dagegen nur eine weitere Besessenheit setzen können: die Hoffnung auf die utopische Gestaltungskraft des Wunsches. Wo der Realist sich einrichtet im Stumpfsinn der alltäglichen Tretmühlenhölle (das hat Blake mitgedacht, als der von den satanic mills sprach), verwendet der Utopist einen Großteil seiner psychischen Energien darauf, sich sein ganz persönliches Wolkenkuckucksheim zusammenzuspinnen. Er ist ein Abeiter am Mythos, ein Eroberer des Nutzlosen. Er ist gegen das Gegenwärtige. Er verwechselt ständig Sinn mit Sinnlichkeit, er denkt zirkulär, träumt zu groß und existiert “in abfallender Linie” (Botho Strauß).

Dass diese Haltung einen Hau ins Lächerliche ebenso hat wie ein gerüttelt Maß an subversivem Potential – das macht die Sache dann wieder ziemlich interessant, here lies the hub of ambiguity (danke, mal wieder, Dietmar Dath!). Denn diese Maximalspannung erzeugt um den Utopisten ein Gravitationsfeld, dass die Zerstörung anzieht, die dann in der Maske des Narren ihr Zersetzungs- und Zernichtungs- und Zertötungswerk beginnt. Großes Missverständnis: Utopisten sind kein freundlicher Schlag Mensch. Sie legen die Axt am Hier und Jetzt an, wo es nur geht (und es geht immer und überall, denn immer und überall ist alles scheußlich, kaputt, im Arsch). Das erzeugt dann oft bei den Leuten die nötigen Irritationen, die vielleicht drei von hundert dazu bringen, sich mal paar Gedanken über sich und seine Daseinszusammenhänge zu machen. Aber dummerweise läuft es meistens anders, nämlich so, dass die Frustrationstoleranz in keinem Verhältnis zum Weltumwälzungswillen steht, und hier wird es richtig finster. Denn sind erst einmal so viele Blasen geplatzt, dass alle kommenden Blähungen folgenlos bleiben müssen (und diese Folgenlosigkeit schließlich reflektiert, begriffen wird), dann kommt der Zynismus mit Macht über einen. Und was von Zynikern zu halten ist, herrstehunsbei: kaputt, kaputter, kränk.

Realutozyniker: Alles falsch. Ein Unsinn. So kann und so darf man doch nicht werden wollen. Oder wie?

Nil desperandum

Veröffentlicht in Uncategorized am Juli 22, 2011 von blindflug

9:00
Aua aua aua. Völlig zerschlagen vom gestrigen Training rollt sich das geschundene Fleisch aus der Bettstatt und meldet ans Bewusstsein: „Sofort Schluss mit dem Sport, bitteschön, man hänge mich gefälligst an die nächstbeste Theke, anstatt mir solcherart Pein anzutun. Die mir aufgezwungene Schinderei ist eine Unverschämtheit sondergleichen und gegen jede mir zugängliche Vernunft – wird dir noch leidtun, mein Freund, verlass dich darauf!“ Ein sich am mit guten Vorsätzen auftrumpfenden Bewusstsein rächender Körper – Angstgegner extraordinaire. Aua aua aua.

10:12
Schreibtischexzess. Kaputte Anfälle von Vergeblichkeitsangst und Epiphanien wechseln sich viertelstündig ab. Das reinste Aprilwetter im Dachgeschoss, nicht so schön. Später dann Telefonat mit Phlox Phylogenesis, während dem sich sofort eine kaffeeduftende morning glory-Stimmung einstellte, nachmittags zufällig auch noch T-Bone Lebowski in die Arme gelaufen, fünfzehn Minuten superangenehmer Talk, Abschied, bis bald. Solche scheinbaren Kleinigkeiten sind unbezahlbar und haben mit Sicherheit im Laufe der Zeit mehr Menschen gerettet als, meinetwegen, Spiderman. Von der katholischen Kirche ganz zu schweigen, aber das ist eine andere Geschichte, auf die noch zurückzukommen sein wird.

16:03
Done. Feierabendgedanken: Wie schaltet man die heißlaufende Sehnsuchtsmaschine ab? Die Zeiten, in denen das Wünschen noch geholfen hat, sind unwiderbringlich vorbei. Was also ist zu tun? Vielleicht eine gar nicht mal so dumme Antwort: Heimisch werden in der eigenen windschiefen Hütte, in der zwar das Oberstübchen randvoll mit Krempel, Quatsch und falschen Gedanken ist, aber die ganze Ruine hat man schließlich zum großen Teil selbst zusammengezimmert, also: no complaints. Die Möglichkeitshorizonte bleiben gleich, ganz egal wie man sich einrichtet in seiner Existenz. Kurz: Have an aim, get out of bed!
Ein Blick aus dem Fenster löst dann schließlich alles: Eine Plastiktüte im Spiel des Windes, die die wildesten Kapriolen schlägt, um dann wieder ganz nachgiebig, ganz sanft durch den grauen Himmel zu gleiten mit einer Eleganz, die staunen macht. Als hätten beide, Wind und Gegenstand, ihr zartes Entgegenkommen erkannt und sich dem völlig hingegeben. Wie ein Kind sieht man diesem Schauspiel zu, im besten Sinne gedankenlos, und meint etwas von dem mythischen Glühen zu erkennen, das hinter allen Dingen verborgen ist und nur dann, wenn ein Riss durch die festgefügten Ordnungsmuster der Wahrnehmung geht, für eine kurze Zeit einfällt in die „von innen beschlagenen Augen“ (Lutz Seiler).

20:06
Akustische Wellness, bevor es auf die Reise geht:

Anfang

Veröffentlicht in Uncategorized am Juli 15, 2011 von blindflug

Tomorrow is the first lie of the devil

Wie fängt man an? Vielleicht so:

„über mir: ein entvölkerter himmel, der mir die die illusion einer leere offenbart, in der und durch die ich existiere. schaudern ob der erhabenheit dieser preisgabe, hochtrieb ob ihrer unverfügbarkeit. denn dort wo nichts mehr ist, ist nicht nichts, sondern eine in ihrer absolutheit unerfassbare freiheit, sprich: die hölle. allein: ein ferment dieser freiheit bewohnt mich und lässt mich sein. leere heißt: abgrund, der mich ausstreicht aus den hoffnungsregistern des wunsches, der mich wegreißt vom phantasma eines sinnfälligen ablaufs der ereignisse, der mich aufnimmt in mein so-sein als solches. leere heißt: die bedingung dafür sein, dass ich den riss anerkenne, der mich durchkreuzt und aus dem ich mich selbst erschaffe.“

Manchmal sind Strategien gefragt, die auf einen Möglichkeitssinn abzielen. Der Modus einer solchen Strategie kann das Schreiben sein. Negentropie. Wir arbeiten daran.

Schreiben heisst: Eine Dauer implementeren mit aller Gewalt, die zur Verfügung steht. Gegen die Unerträglichkeit der Indifferenz etwas setzen, und wenn es nur eine neue Form der Indifferenz, der Blähung und des Schwachsinns ist. Setzung, Ortung, Markierung. Hiersein tut not.

Es gibt zwei Arten des Schreibens momentan: das notwendige, den Konventionen der Wissenschaft verpflichtete und ein anderes, freieres Schreiben, das gegen den Tag gerichtet all das bannt, was zustößt aus, wie man so schön sagt, heiterem Himmel, death from above. Das versucht, den hyperpräzisen (und das heisst: hyperparanoischen) Wahrnehmungsapparat zu entlasten von seiner Verknüpfungsidiotie. Aber auch: das sich manchmal selbst genug ist und ungehindert ausfließen kann, das sich seine Bahnungen aus eigener Kraft zu schaffen vermag. Das die Stille, die einen des öfteren aufs Angenehmste anfällt, aufnimmt und in weiche Zeichen gießt. Und das das Lachen, den Quatsch, das Heulen und Schlagen, kurz: die ganzen absurden Zustände, in die man in Phasen der Daseinszerknirschung wie in Momenten der erfüllten Zeit hineingerät, feiert und verteidigt gegen alles, was dem Lauen den Vorzug geben möchte – Gegenentwurf der Hölle als Text.

Darum geht es hier. Ob dies der richtige Ort ist wird sich zeigen. Sicher ist nur, dass es passieren muss, egal wo.

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